CINEMA
Ausgabe März 04, Seiten 56-61

»DIE WOCHENENDFILMER«


Im Untergrund Deutschlands tummeln sich zahllose Independent-Filmer, die mit viel Enthusiasmus ihren eigenen Hollywood-Traum leben. CINEMA war am Set des ersten nationalen Martial-Arts-Spektakels Kampfansage � und beleuchtet weitere Herzblut-Projekte

Das einsam gelegene Schloss Sommerswalde im brandenburgischen Schwante. Rauchschwaden steigen in die kalte Oktobernacht empor. Eine Horde schwarz gekleideter Soldaten bewacht einen spärlich bekleideten, an einen Pfahl gefesselten Mann (Volkram Zschiesche). Um ihn herum kreist ein entstellter Henker (Punk-Rocker Bela B), der den Delinquenten mit Benzin übergießt. Gerade als er das todbringende Streichholz werfen will, unterbricht ein gelassen gerufenes "Danke schön" von Regisseur Johannes Jaeger (25) die schaurige Szene.

Gemeinsam mit seinen Schulfreunden Volkram Zschiesche (24), Christian Monz (25) und Mathis Landwehr (23) dreht der ehemalige Geschichtsstudent vor den Toren Berlins Deutschlands ersten Kung-Fu-Film: "Kampfansage � Der letzte Schüler". Die vier Stuttgarter überzeugten die Kölner Stunt-und Produktionsfirma Action Concept ("Der Clown"), das Budget von 300.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig gelang es prominente Namen wie beispielsweise Bela B, Esther Schweins und die Rap-Combo Die Massiven Töne als Gaststars zu verpflichten.

Bereits vor fünf Jahren fingen die vier Kumpel an, ihre eigenen Ideen filmisch umzusetzen: "Wir sind alle große Fans von Kung-Fu-Legende Jackie Chan, dessen Action-Kracher uns inspiriert haben, unseren eigenen Film zu drehen", erinnert sich Christian. Das Ergebnis waren zwei in Fan-Kreisen zum Kult avancierte Kurzfilme ("Kampfansage 1 + 2"). Anschließend entwickelten sie mit Action Concept ein Drehbuch für ihr abendfüllendes Martial Arts-Spektakel, das voraussichtlich in diesem Jahr auf DVD und möglicherweise auch im Kino zu sehen sein wird.

In der apokalyptischen Story ist die Welt nach Naturkatastrophen ins Chaos versunken. Gewissenlose Warlords haben die Macht übernommen � und der brutalste von ihnen ist der skrupellose Bosco (Christian). Einzig der Rebellenführer Vinzent (Volkram) und der Kung-Fu-Schüler Jonas (Mathis) stellen sich ihm entgegen.

"Heutzutage gibt es kaum noch richtige Martial-Arts-Helden. In 'Matrix' kämpfen Schauspieler, die ein wenig Kung-Fu-Unterricht genommen haben � und so wirkt es dann auch," sagt der Regisseur. Bei seinen Hauptdarstellern muss er sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen: Seit über neun Jahren trainieren die drei verschiedene Kampfstile wie Capoeira, Tai Chi oder das vietnamesische Tu-Thân � und Schauspielunterricht gibt's seit einiger Zeit dazu. Die Stunts werden unterstützt durch die sogenannte "Flying-Wire"-Technik, bei der die Darsteller an Seilen befestigt die Schwerkraft austricksen können. Dennoch sollen die Aktionen realistisch wirken. "Herumgefliege wie bei 'Tiger and Dragon' gibt's bei uns nicht", erklärt Stunt-Koordinator Wolfgang Stegemann.

Während der 40 Drehtage wird kostengünstig auf DV (Digital Video) gedreht. "Bislang haben wir über 90 Stunden Rohmaterial", sagt Visual-Effects-Designer Steffen Hacker, der gemeinsam mit Daniel Nolde die Szenen mit computeranimierten Hintergründen und aufwendigen 3D-Modellen verfeinert.

Aufgrund des geringen Budgets, das keinerlei Gagen ermöglichte, herrscht inmitten von Schlafsack-und Isomatten-Burgen eine regelrechte Klassenfahrt-Stimmung: "So ein Low-Budget-Projekt schweißt zusammen," sagt Volkram. Und Johannes erzählt, dass sich das Projekt in der Szene wie ein Lauffeuer herumgesprochen habe und immer mehr Leute an den Set kamen, um zu helfen.

Ähnlich engagiert wie die Stuttgarter sind auch andere Kinofanatiker: Laut Steffen Hacker, u.a. Betreiber des Internet-Film-Forums hackermovies.com, werden hierzulande jährlich mehrere tausend Nachwuchsfilme gedreht. Dazu gehören neben Projekten der drei großen Filmhochschulen, Ludwigsburg, München und Potsdam, auch private Fan-Movies, deren Anzahl jedoch kaum genau beziffert werden kann: Dank immer leistungsfähigerer Rechner, günstiger Digitalkameras und entsprechender Software können Laien ihre eigenen Versionen von "Star Trek" oder "Der Herr der Ringe" leicht verwirklichen.

"Man sollte sich zu seinen Vorbildern bekennen � und ruhig abkupfern, dadurch lernt man", rät Johannes. "Das ganze Gefasel von Individualismus ist am Anfang eher kontraproduktiv." Und reines Vergnügen ist Filmemachen auch nicht, wie Johannes inzwischen weiß: "In meinen Träumen habe ich wegen des Zeitplans manchmal Panikanfälle" � und damit steht der Nachwuchsregisseur den Großen in nichts nach. Infos unter: www.kampfansage.de

Philipp Schulze, Alex Attimonelli

KOMMENTAR DES KAMPFANSAGE-TEAMS:
Ein wirklich guter und zutreffender Artikel � bis natürlich auf den Titel und den Kontext "Fanfilm". Sicherlich ist es auch nicht ganz verkehrt. Schließlich ist Kampfansage ursprünglich entstanden, weil 3 große Jackie-Chan-Fans ihrem Idol nacheifern wollten. Doch das ist nun schon 5 Jahre her und aus Kampfansage ist längst ein eigenständiges Projekt geworden, das mit Star Trek und Herr der Ringe Fanfilmen nicht vergleichbar ist.
Besonders bitter wirkt dazu noch der Titel. In den 2 1/2 Jahren Vorbereitungs- Dreh- und Postproduktionszeit, hätten wir uns nur zu gern ein paar freie Wochenenden mehr gewünscht. Aber davon abgesehen ein toller Artikel.

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