HACKERMOVIES.COM
09. Dezember 2004

»Kampfansage kommt! ... oder: What took you so long?«
Der letzte schließt die Tür, macht das Licht aus. Kratzt das Klingelschild ab? Hm, nein, das lassen wir dran, ist wahrscheinlich das skurrilste Klingelschild Stuttgarts und hat damit Seltenheitswert. An einer ganz unscheinbaren Tür im tiefsten Schwabenland, dem Stuttgarter Killesberg, prangt das Wort "Kampfansage" zwischen Briefkästen und Werbung-verboten-Schildern. Die dazugehörige Kellerwohnung war bis vor kurzem noch von Kampfschreien erfüllt, von mit müden Computeraugen aus ihren Schlafsäcken blinzelnden Filmemachern bevölkert und Dreh- und Angelpunkt für die in Stuttgart und Ludwigsburg stattfindende Postproduktion des Filmes. Doch nun schließt das Kampfansage-Schnittbüro für immer seine Pforten, was bei Projektbeteiligten durchaus den ein oder anderen wehmütigen Blick hervorrufen kann, schließlich hatte man hier auch eine Menge Spaß. Trotzdem bedeutet das Ende dieser einjährigen Kellerwirtschaft vor allem eines: Wir haben es endlich geschafft!

Vor etwas mehr als einem Jahr gab es eine ähnlich symbolträchtige Aktion: Damals flogen im Berliner Stadtteil Wedding unzählige Matratzen im hohen Bogen aus einem vierten Stock, Computer und Pfandflaschen wanderten scharenweise in PKWs und einen Tag später waren wir alle wieder zuhause, die reguläre Kampfansage-Drehzeit war beendet. Während des Drehs hatten wir die ca. 80 Stunden Material umkopiert und zur Sicherheit wurden die DV-Tapes auf getrennten Wegen aus Berlin ausgefahren: Die erste Fuhre, die Arbeitskopien, wanderten bei Steffen im Auto mit in den Süden der Republik, die zweite mit Johannes direkt zu Action Concept in den Tresor.

Nach ein paar Verschnauftagen waren wir mehr als bereit, loszulegen, schließlich hatten wir herrliches Material und dachten, ein 90minüter fertigt sich genauso leicht an, wie ein Kurzfilm, nur, dass man halt etwas mehr Zeit braucht. Johannes (Regie) und Daniel (Schnitt) bezogen ausgerüstet mit Rechnern, Fernsehern und DV-Playern ein Bürozimmer im Architekturbüro von Johannes' Vater, Ulrik sammelte fleißig Making-Of-Material bei sich in Berlin, Steffen stapelte ein paar Firewire-Platten in seinem WG-Zimmer und verteilte munter 3D-Aufgaben an das kleine "Digihansel-Team" per ICQ. Die Tonpostproduktion stand noch aus, wanderte aber nach einiger Zeit ins Ludwigsburger Tonstudio JAMusic von Jörg Orlamünder und Michael Schwarz.

Der Anfang in diesem ersten "Schnittbüro" war in den ersten Tagen geprägt von allerlei "administrativen" und Neben-Tätigkeiten, die zu erledigen waren, so dass die Tage nur so dahinflogen. So gaben sich Johannes und Daniel Nolde zunächst ausgiebigem PC-Basteln hin, jonglierten bei der Planung mit zig Gigabytes, bestellten und kauften fröhlich PC-Equipment von der Stange und testeten in kleinen Machbarkeitstest, was wir uns für den Schnitt in Berlin so überlegt hatten. An routinierten Schnittbetrieb war zu dem Zeitpunkt - Mitte Dezember 2003 - noch nicht zu denken. Die stellte sich erst ein, als zur Entlastung Daniel Späth als Schnittassistent hinzustieß, noch nicht ahnend, dass Kampfansage ihn ebenso wie uns für fast ein ganzes weiteres Jahr nicht loslassen würde. Den ehrgeizigen Plan, fast den halben Film bis Anfang Februar (roh-) geschnitten zu haben gingen Daniel Nolde, Daniel (Späth, oder auch "Spezi";) und Johannes nun zu dritt und voller Zuversicht an, denn die ersten Szenen gingen zwar noch etwas mühsam, aber doch recht fix von der Hand.

Übrigens: Die erste KA-Szene, die je geschnitten wurde und Jonas beim Rasieren zeigt, wurde seit diesen Tagen praktisch nicht mehr verändert. Daß aber so gut wie jede andere Szene und auch ganze Sequenzen selbst Monate nach ihrer "Fertig"-Stellung in Sisyphos-Arbeit wieder und wieder den steilen Berg des Verbesserns, Verbesserns und Nochmal-Verbesserns vor sich hatten - das ahnten wir damals noch nicht. Ebensowenig, daß wir unser Februar-Ziel zwar einerseits erfüllen würden, andererseits aber noch bis in den November hinein weitermachen würden....

Während die Visual Effects-Arbeiten langsam aber sicher voranschritten, zu dem Zeitpunkt rechnete Steffen mit ungefähr 100 Shots, kam es im Ton zur großen Ernüchterung, noch bevor die Arbeiten starten konnten: Das Rohmaterial befand sich in ziemlich chaotischem Zustand, und so dauerte es etliche Wochen bis Dank einer enorm gewissenhaften Fleißarbeit von Jörg, Blacky und den beiden Daniels endlich mit der eigentlichen Tonpostproduktion begonnen werden konnte.

Gleichzeitig lief unser Musik-Pitch Ende Februar aus, bei dem sich Musiker aus ganz Deutschland beteiligten und die erste geschnittene Kampfszene sowie zwei Spielszenen zur Vertonung erhielten, um ihr Können unter Beweis zu stellen: Zwei für Hackermovies-User alte Bekannte machten das Rennen und komplettierten damit das Postproduktionsteam: Alex Pfeffer ("Waywyn" bei uns im Forum) hatte u.a. an "Kampfpilot a.D." mitgearbeitet und die fettesten Scores überhaupt auf seiner Website; Marco Jovic ist neben Daniel und mir schon seit den zarten Anfängen unseres Filmschaffens dabei und hat u.a. "Annas Schneemann" märchenhaft vertont. Zum einen hatte jeder der beiden seine Spezialgebiete, um sich perfekt zu ergänzen und zum anderen erschien angesichts der Lauflänge der benötigten Musik eine Arbeitsteilung mehr als sinnvoll.

Im Frühjahr zog Johannes mit den beiden Daniels und ihrem Schnitt-"Fuhr"-park in ein geräumigeres Büro, im Keller von Johannes' Elternhaus, und errichteten eine Technikhochburg zwischen LAN-Kabeln und Schlafsäcken - ja Schlafsäcken, denn hier wurde nun auch im Büro genächtigt.

Denn dasselbe Gefühl von Zusammengehörigkeit und An-einem-Strang-ziehen, was schon in Berlin das Drehteam zusammenschweißte, überkam spätestens jetzt, da wir auch endlich fertige Ergebnisse sehen konnten, auch die gesamte Postpro-Mannschaft. Und die war inzwischen zu einem schlagfertigen Haufen gewachsen: Daniel, Daniel und Johannes im Schnittbüro, Jörg und "Blacky" Michael im Tonstudio, Alex und Marco am Notenpapier und Steffen mit einer eigenen ganzen Mannschaft, die über Internetkommunikation zusammengehalten wurde. Wir waren also nicht mehr allein, aber noch wichtiger: Wir alle sahen nun, daß unsere Arbeit funktionierte und gut ankam.

Von da an flutschte der Schnittbetrieb richtig, und durch erste Testscreenings bei Action Concept kamen wir bald zu der Erkenntnis, dass es sich lohnt, noch mehr in den Film hineinzustecken - mehr Story, mehr Schauplätze, mehr Production Value.
Ein Nachdreh musste somit her! Johannes tauschte Premiere gegen Word und schrieb eine komplette neue Szene (die auch teilweise im Trailer zu sehen ist), die dem Film nicht nur visuell stärkte sondern auch den Figuren zu viel mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit verhalf.

Mit einer moderaten Budgeterhöhung ausgestattet, die gute Technik, aber wiederum keine immensen Locationkosten erlaubte, hängte sich Daniel Späth ans Telefon und telefonierte quer durch die Bundesrepublik. Fündig wurde man wieder eher im Norden als bei uns im Süden - und so rückte das Team abermals nach Berlin aus, um die inzwischen fünf neuen Szenen, Inserts und Closeups zu drehen, die den Film aufwerten sollten.

In der VFX-Postproduktion war inzwischen der "Point of no Return" erreicht - hier und da mal ein Effekt sah nicht "gut genug" aus, entweder, oder - voller Enthusiasmus beschloss Steffen im angenommenen Einvernehmen mit dem ganzen Team, dass wir die VFX-Shot-Anzahl etwas aufstocken sollten: An zu vielen Stellen im Film tauchten Fehler auf, Unachtsamkeiten, schlechte DV-Aufnahmen, unpassende Timings, aufwertbare Sequenzen: Johannes hatte noch so viele Ideen und Wünsche und da alles "kostenlos", da DV, und da "alles cool", da noch Zeit und Manpower vorhanden war, kam zu Beginn des Sommers eine neue VFX-Übersicht raus, die bis zum Winter sogar noch einmal um 10% anwachsen sollte.

Von nun an war die ganze Geschichte aber kein Zuckerschlecken mehr für das kleine VFX-Kernteam: Zu den netten Matte Paintings gesellten sich auf einmal Kampfsequenzen, bei denen der komplette Hintergrund ausgetauscht werden musste, Action-Sequenzen, die in Full-3D-CG-Environments spielen, digitale Darsteller - und natürlich Retuschen ohne Ende. Bei jedem Sichten des Filmes kamen neue Ideen, und aus der geplanten Anzahl von 100 wurden auf einmal mehr als 350 VFX-Shots - das gereichte vor ein paar Jahren selbst einem Hollywood-Blockbuster zu Ruhm. Schon alleine das Compositing einer derartigen Anzahl von VFX-Shots bereitet selbst mit umenschlichem Schlafbedürfnis Zeitprobleme, wir brauchten also Verstärkung. Kampfansage-Grafiker Marcel Weisheit stellte seine Photoshop-Künste zur Verfügung und arbeitete nun an den Matte Paintings, HM-Compositing-Urgestein Michael Habenicht ("Tinitron") wurde mit Shots zum Maskenziehen geradezu überschüttet und da Steffen stetig von der 2D- (an der sein Bruder 'Psychodad' stetig zum Rotoskopieren verdonnert wurde) an die 3D-Front wechselte (wo die Berliner 3D-Connection Sebastian Nozon und Tonio Freitag unermüdlich Vertices schoben), wurde klar, dass man im warmen "Homeoffice" nicht mehr allzuviel ausrichten konnte, wenn die Effekte unsere Zuschauer wegblasen sollten; so viel man auch mit preisgünstiger Hardware ausrichten kann: heftige 3D-Effekte benötigen mehr Renderpower und mehr Software-Lizenzen.

Zum Glück unterstützte uns das Stuttgarter Postproduktionshaus "unexpected", stellte Sebastian als Praktikanten ein und ließ sich regelmäßig ab 18.00 Uhr von der "Kampfansage-Nachtschicht" übernehmen. Steffen und Sebastian hatten somit bis in die Morgenstunden Zugriff auf genug Dual-Xeon-Rechner, dass bis zu 70 GHZ an unseren Shots rendern konnten - endlich Gelegenheit, bei modernen 3D-Renderern in Sachen Reflections, Motion Blur und Szenenkomplexität richtig Gas zu geben und somit auf mehrere tausend Stunden Renderzeit zu kommen. Soviel Nachtschichten gehen natürlich an die Substanz und so waren Steffen und Sebastian über einen monatelangen Zeitraum hinweg tagsüber etwas abwesend, da der Wecker trotz Fünf-Uhr-Morgens-nach-Hause-kommen immer brav um 9 Uhr klingelte oder man einfach gerade weiterarbeiten konnte, wenn man mal wieder gegen sechs Uhr morgens auf der Tastatur in der Firma eingeschlafen war, weil man es nicht mehr bis zum nächstgelegenen Sofa geschafft hat.

Mittlerweile hatten Johannes und die beiden Daniels den Film schon so weit fertig, dass man anfangen konnte, kleinlich zu werden und "mehr" zu wollen - es war inzwischen Sommer, viele unserer selber gesetzten Deadlines eh alle schon utopisch geworden oder verfallen und deswegen sprach eigentlich nichts dagegen, noch mal eins draufzusetzen: Johannes schrieb zwei neue Sequenzen für den Film, die noch mal zur Geschichte und Charakterplausibilität beitrugen und vor allem eine neue fette Introsequenz bildeten, die den Zuschauer gleich in den ersten Minuten richtig packen sollte. Diese Introsequenz wurde maßgeblich von den Presales-Erfahrungen bestimmt, denn es stellte sich heraus, daß sich Filme am internationalen TV-Markt um so besser verkaufen, je mehr es gleich am Anfang kracht daß die Röhre platzt - so also sollte der eher episch-anmutende erste Akt von Kampfansage einen Bomben-Prolog bekommen, der sich gewaschen hat.

Also kratzten wir wieder etwas Budget und Technik zusammen, Daniel Späth hing wieder tagelang am Telefon und abermals fielen die Stuttgarter in Berlin ein. Diesmal musste nicht Wedding dran glauben, sondern das Haus von Sebastian Nozons Eltern, die gerade im Urlaub waren. Als am Vorabend des Drehs dann auch noch Markus Rupprecht und Mark-Oliver Hardt von "Drachenfeder" mit ihren Nahkämpfern und einem ganzen Laster voller Waffen anrückten, war es um die Beherrschung der Nachbarn dann endgültig geschehen.

Eine Woche später ging es im Süden weiter - in der Heidelberger Thingstätte und einer grünen Wiese direkt in Stuttgart wurden drei neue Kämpfe inszeniert, und Auflösung, Ton, Farbkorrektur und die Visual Effects trugen mal wieder zur nahtlosen Verschmelzung mit dem Restmaterial des "Haupt"filmes bei.

Einige Schnitt-Abnahmen, massig probegehörte potentielle Film-Songs, unzählige WAV-Files und ebenso viele AfterEffects-Layer später konnte die große Finalisierung beginnen: Wir liehen uns im Spätherbst einen Klasse-1-Monitor aus und Canopus stellte uns ihren DV-Komponenten-Konverter ADVC500 zur Verfügung, um das in Premiere Pro farbkorrigierte DV- und uncompressed-Material unter genormten Idealbedingungen arbzubestimmen und in Echtzeit auf einem geeichten Normmonitor kontrollieren zu können.

Was in der DV-Windows-Welt noch alles so schön echtzeitig funktioniert, kostete uns erneut massig schlaflose Nächte, wenn es ans Konvertieren ging: Für diverse Filmmärkte in Los Angeles, Mailand und Co. renderten und konvertierten wir gigabyteweise Videodaten, um sie auf Digibeta ausspielen zu können, steckten die Kassette dann Johannes in die Tasche und setzen ihn ans Steuer, denn wann immer eine Deadline machbar erschien, wurde sie von uns notgedrungen auf's Allerletzte ausgereizt, was das Verschicken auf dem Postweg meistens unmöglich machte.

Das Resultat der ganzen Arbeit, in der man zwischenzeitlich zu ersticken drohte, grinste einen dann urplötzlich frech vom Monitor aus an: Alle Bilder sahen nun nicht nur aus wie "aus einem Guß", sondern einfach lecker und satt! Der Film funktionierte, alle VFX-Shots (und das waren schlussendlich 473 Stück!!) waren irgendwann tatsächlich gerendert und composed und unsere langen Listen erstrahlten in beruhigendem, wundervollem Grün. Die Musik hob das Gesamtwerk noch mal auf ein ganz neues Level und wer das Glück hatte, die Tonmischung bei Jörg auf seiner 5.1-Studio-Anlage zu hören, konnte es kaum noch erwarten, endlich im Kino zu sitzen, und sich die volle Bild- und Ton-Dröhnung zu geben!

Letztlich haben wir alle ein sehr sehr forderndes aber tolles Jahr mit "unserem" Film gehabt, und daß dieses Jahr nun die doppelte Zeit der ursprünglich geplanten 6 Monate waren, kam dem Film nur zugute: So hatten wir Zeit, wirklich sehr sehr viel zu Verfeinern, zu feilen, zu optimieren und auszuprobieren. Das hat sich auf ganzer Linie gelohnt, und wir sind froh um diesen heutzutage seltenen Luxus, genug Zeit gehabt zu haben, eine geschliffene und rundum funktionierende Arbeit zu perfektionieren.

Bis wir alle "Kampfansage" auf großer Leinwand oder einem ausgelassenen DVD-Abend mit Freunden erleben dürfen, werden noch ein paar Monate ins Land bzw. in den Vertrieb gehen.
Allerdings genau die richtige Zeit, damit sich unterm Weihnachtsbaum schon mal Kunde vom außerordentlichsten deutschen Film des kommenden Jahres verbreitet - und jeder einen öffentlichen KAMPFANSAGE-TRAILER sehen kann!

Natürlich gibt der Trailer erst einen kurzen Einblick in den Film. Sollten also ein paar Eingeweihte und VFX-Mitarbeiter den ein oder anderen trailertauglichen Shot schmerzlich vermissen.... es kommen ja noch zwei Trailer. Und für's Kino soll ja auch noch was übrigbleiben! ;)

Steffen Hacker

LINK:
Artikel bei hackermovies.com
hackermovies.com